Romantisierung: Idealistische Vordenker der Demokratie
Die „Weiße Rose“, vor allem die Geschwister Scholl, wurden nach ihrem Tod romantische Helden. Thomas Mann pries sie bereits 1943 in einer seiner berühmten BBC-Radioansprachen. Es folgten Spielfilme, Sonder-Briefmarken, Bücher. Die Bundesrepublik sah sie als idealistische Vordenker der Demokratie; die DDR suchte in den Flugblättern Textstellen mit klassenkämpferischen Untertönen.
Langsame Entpolitisierung der „Weißen Rose“
Johannes Rau, gut bekannt mit dem Vater der Geschwister, sprach diese Vereinnahmung offen an. „Überlebende der Weißen Rose haben immer wieder darauf hingewiesen, dass ihr Widerstand lange Zeit zugleich idealisiert und romantisiert worden ist. Das geschah zum Teil durchaus in guter Absicht. Damit ging aber auch eine Entpolitisierung ihrer Aktionen und vor allem ihrer politischen Zielsetzung einher.“
Genaueres Hinsehen führt jedoch nur zu einer Einsicht: Bei jedem der jungen Männer und Frauen und ihrem Mentor, dem Philosophie-Professor Kurt Huber, lagen die Motive anders.
Erste Flugblätter unter Eindruck der Ostfront-Erlebnisse
Die ersten Flugblätter schrieben der Deutsch-Russe Alexander Schmorell und sein Freund Hans Scholl unter dem Eindruck ihrer Erlebnisse an der Ostfront 1942. Christoph Probst gab als Impuls für seinen Entwurf eines Flugblatts die Niederlage von Stalingrad an. Willi Graf handelte nach streng-katholischer Ethik. Wie schwierig die Suche nach dem Impetus zum Widerstand ist, zeigt auch die neue Biographie über Hans Scholl. Der Autor, der evangelische Theologe Robert M. Zoske, hat Archiv-Akten entdeckt, die sich aus einem Verfahren gegen Scholl wegen Bi- und Homosexualität erhalten haben.
„Chamäleon“ Hans Scholl
Dazu stellt er Gedichte aus dessen Jahren in der bündischen Jugend, die auch den Buch-Titel „Flamme sein!“ erklären: „Ich vergleiche Sentimentalität immer mit Wasser. Und wir wollen doch Flamme sein. Unsere Kraft muss federnder Stahl sein, unsere Seele trockene Weißglut.“
Es ist jedoch wenig überzeugend, dass das Verfahren aus dem Jahr 1938 für Scholls Weg in den Widerstand ein Impuls war. Zunächst wollte er weiter Offizier werden, schwenkte dann um auf ein Medizinstudium. Wahrscheinlicher ist: Scholl war auf der Suche nach seinem Platz im Leben. Die Schwester Sophie nannte ihn ein „Chamäleon“.
Sind die Geschwister Scholl „von gestern“?
Umso merkwürdiger, dass dieser Biographie-Versuch die einzige Neuerscheinung zum 75. Jahrestag der Hinrichtung der „Weißen Rose“ war. Wo die Verlage doch sonst kein Jubiläum auslassen. Es könnte bedeuten: Alles ist gesagt; die Geschwister Scholl sind von gestern.
In Ulm und in München finden am 22. Februar zwar Gedenkveranstaltungen für die Weiße Rose statt. Die oft anregende Gedächtnis-Vorlesung aber wurde auf April verschoben. Das passt zur These: Der Gründungsmythos der Bundesrepublik, zu dem auch die Weiße Rose gehört, verblasst. Rassismus und Antisemitismus – zwei Haupt-Kritikpunkte der Gruppe am Nationalsozialismus – sind dagegen wieder sagbar geworden.
„Holen wir sie zurück in Hörsäle und Schulen!'“
Querdenken mit festem moralischem Gerüst, Gegen-den-Strom-Schwimmen – dazu hat Alt-Bundespräsident Joachim Gauck vor zehn Jahren in seiner Münchner Gedächtnis-Vorlesung aufgefordert – als Vermächtnis der Weißen Rose-Gruppe:
„Ihre Geschichte zeigt uns das Menschenmögliche im Schlimmsten wie im Besten. Holen wir doch die jungen Frauen und Männer der Weißen Rose immer wieder herein in unsere Hörsäle, in unsere Schulen. Lassen wir sie doch zwischen uns sitzen und hören wie sie sagen: Einer muss doch schließlich damit anfangen.“
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SWR2: Sophie Scholl, NS-Widerstandskämpferin und Jugend-Ikone